7. Sportmotorik:
Leiter: Prof. Dr. Klaus Wiemann

Inhalt:
7.1  Bewegungswahrnehmung, Bewegungsvorstellung, motorisches Lernen
7.2  Auslösung und Steuerung motorischer Aktionen
7.3  Rhythmus im Sport
7.4  Ethologische Ursprungstheorie sportlicher Handlungen
7.5  Die ischiokrurale Muskulatur

illu.moto  

7.1   Bewegungswahrnehmung, Bewegungsvorstellung, motorisches Lernen

a) Bewegungswahrnehmung:

Im Zusammenhang mit dem Begriff „Bewegungswahrnehmung“, der Wahrnehmung einer Bewegung,  ist prinzipiell zu unterscheiden zwischen
1. dem visuellen Wahrnehmen der Bewegung eines Gegenstandes oder Körpers bzw. Sportlers und
2. der Wahrnehmung einer Bewegung (einer motorischen Aktion) des eigenen Körpers.

Im Folgenden bzw. in der hier folgenden Abhandlung zur Bewegungswahrnehmung und Bewegungsvorstellung wird stets nur der unter 2. genannte Fall besprochen. Insofern könnten auch die Begriffe „eigenmotorische Wahrnehmung“ bzw. „eigenmotorische Vorstellung“ Verwendung finden.
Während der Ausführung einer Aktion der Alltagsmotorik, einer Aktion der Arbeitsmotorik oder einer sportmotorischen Fertigkeit, allgemein also einer Bewegung des Körpers, wirken

– aus der Umgebung,
– von den Kontaktstellen zwischen Körper und Umwelt und
– aus dem Körper selbst

eine Vielfalt von Reizen auf die Sinnesorgane und Sinneszellen des sich Bewegenden. Diese Reize werden zu Meldungen der verschiedensten Modalitäten und Qualitäten umgeformt, zusammengefasst, selektiert, synthetisiert, zum Zentralnervensystem (ZNS) geleitet und dort interpretiert und bewertet. Dabei wird die von außen einströmende Informationsflut von 1014 bit/s auf Meldungen von 10 – 50 bit/s reduziert, die letztendlich etwa 150ms nach Bewegungsstart in das Bewusstsein gelangen (Abb. 1).

 

abb.6.03

Abb. 1: Informationsfluss, Informationsreduktions, -kontrolle und -verarbeitung im Prozess zur
              Wahrnehmungsbildung

 

Die Sinnesorgane bzw. Sinnessysteme, die zur Entstehung der Bewegungswahrnehmung beitragen, sind
– das visuelle System,
– das akustische System,
– das vestibuläre System,
– das somatosensorische System.
Abbildung 2 zeigt eine Zuordnung von Sinnessystem, Sinnesmodalität und sinnesspezifische Reizverursachung. Die unterschiedlichen von den Rezeptoren bereitgestellten Meldungen werden jedoch nur in seltenen Fällen modalitätsspezifisch wahrgenommen. Statt dessen konvergieren die Meldungen der unterschiedlichen Modalitäten, werden synthetisiert und integriert zu einem multisensorischen Wahrnehmungskomplex (s. Abb. 1).

mot.bewegw.abb.2 Abb. 2: Sensorische Systeme, Sinnesmodalitäten, Sinnesorgane und Rezeptoren sowie Reizverursachung der Bewegungswahrnehmung. (?): Die Beteiligung an der bewussten Wahrnehmung ist unklar.

 

Bei diesem Prozess erfährt der sich Bewegende von den mit der Bewegung verbundenen Lageveränderungen des Körpers in Bezug zur Umgebung bzw. von den Positionsveränderungen der Gliedmaßen zu einander und in Bezug zur Umgebung, von den Anstrengungen, die die Ausführung der notwendigen Aktionen dem Körper abverlangen, und von ihren zeitlichen Abfolgen (~ Bewegungswahrnehmung). Sofern es sich um beabsichtigte motorische Aktionen handelt, erkennt der Beweger auch, in wieweit der Erfolg der Aktion der Absicht entspricht (~ Bewegungsbeurteilung, Evaluation), indem der Komplex der tatsächlich einlaufenden Meldungen (Reafferenz) mit den erwarteten Meldungen (Kopie des Bewegungsentwurfes) verglichen wird. Letztendlich werden die Meldungen gespeichert, so dass sich der Beweger nach kurzer oder längerer Zeit an die Wahrnehmung erinnern (~ Bewegungsvorstellung) und auf der Basis dieser Erinnerung die Aktion in gleicher oder veränderter Form wiederholen kann (~ Bewegungslernen).

b) Bewegungsvorstellung
Will man nachprüfen, was eine Person während einer motorischen Aktion wahrnimmt, so kann diese erst nach Abschluss der Aktion darüber Auskunft geben. D.h. sie erinnert sich an ihre während der Aktion realisierte Wahrnehmung und versucht, diese in Worte zu fassen. Dieses Erinnerungs“bild“ wird im Folgenden „Bewegungsvorstellung“ bzw. „eigenmotorische Vorstellung“ genannt. In den häufigsten Fällen stimmt diese jedoch nicht völlig mit der vormals erlebten Bewegungswahrnehmung überein, sondern ist gefärbt, verändert und angepasst durch Empfindungen und Erfahrungen, die bei weiter zurückliegenden Aktionen gewonnen wurden.

(Die  Abhandlungen zur Bewegungswahrnehmung und Bewegungsvorstellung dienen dem Zweck, die bewussten Phänomene in der unmittelbaren Vorbereitung einer motorischen Aktion, während des Ablaufes der Aktion und unmittelbar nach Abklingen der Aktion aus psychobiologischer bzw. sensu- und sensomotorischer  Sicht deutlich zu machen. Letztendlich wird motorisches Lernen im Sport als eine Neukombination von Bewegungsvorstellungen erklärt. Damit stellt die Abhandlung eine theoretische Voraussetzung für planende Maßnahmen in der Methodik des Sports dar. Die Inhalte beziehen sich aus diesem Grunde vorwiegend auf das Bedingungsfeld der körperlichen Bewegung, speziell des Sports und richten sich somit an Sportlehrer, Trainer und Studierende des Faches Sport. Für das erfolgreiche Bearbeiten sind Grundlagenkenntnisse zum Bau des ZNS und der sensorischen Systeme hilfreich, die anhand der Literatur (z.B.: SCHMIDT, R.F.: Medizinische Biologie des Menschen. München 1983, Kap. 9 – 14) erworben werden können.)


Vollständiger Text „Bewegungswahrnehmung und Bewegungsvorstellung“: [download (pdf-Datei, 1,5 MB)]

s. zusätzlich: Bewegungslehre und Methodik des Turnens (Kap. 4.6)
und:
KLAUS WIEMANN: Zum Phänomen der Bewegungsvorstellung aus hirnbiologischer Sicht
) 

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Definitionen:

Bewegung (physikalisch):

Bewegung ist die Veränderung der Position eines Körpers im Laufe der Zeit, bezogen auf ein Koordinationssystem.
 
Bewegung (Motorik des Menschen):
Bewegung ist die (meist zielgerichtete) durch Muskelaktionen verursachte Positionsveränderung von Abschnitten des Körpers gegeneinander bzw. des gesamten Körpers gegenüber der Umgebung.
  
Wahrnehmung:
das Bewusstseinsphänomen, das die zentrale Verarbeitung der Sinnesmeldungen begleitet.
 
Bewegungswahrnehmung:
das Bewusstseinsphänomen, das die zentrale Verarbeitung derjenigen Sinnesmeldungen (Rückmeldungen) begleitet, die als Folge der motorischen Aktionen des eigenen Körpers entstehen.
 
Reiz:
physikalische Beeinflussung einer Sinneszelle (Rezeptor) oder eines Sinnesorgans mit der Konsequenz einer chemo-elektrischen Reaktion, die zu einem afferenten (zum Hirm aufsteigenden) Nervenimpuls führt.
 
Vorstellung:
das psychische Phänomen, das daraus resultiert, dass Sinneseindrücke, die vor kürzerer oder längerer Zeit wahrgenommen wurden, wieder ins Bewusstsein gerufen werden oder „von selbst“ im Bewusstsein erscheinen.
 
Bewegungsvorstellung:
das psychische Phänomen, das daraus resultiert, dass Sinneseindrücke, die im Laufe von Eigenbewegungen zu einer Bewegungswahrnehmung führten, wieder ins Bewusstsein gerufen werden oder „von selbst“ im Bewusstsein erscheinen.
 
Bewusstsein:
ein Zustand der Wachheit des Individuums, der dazu befähigt, Umweltreize und Körperbefindlichkeiten zu bemerken, sich ihnen zuzuwenden und sie in der Weise zu erleben, dass sie das Wesen des Persönlichen (des persönlich Inneseins) erhalten und dass das Individuum darüber einem Partner Mitteilung machen kann – oder dass zumindest die Möglichkeit dazu bestehen kann, wenn Anzahl und Art der Zeichen des Kommunikationsmittels das zulassen.

 

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7.2   Auslösung und Steuerung motorischer Aktionen
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Abb.: Funktionsschema zur Bildung eines bedingten Reflexes


Kurzcharakterisierung des Projektes:

Das motorische Verhalten des Menschen unterscheidet sich von dem der übrigen Säuger durch seine enorme Variabilität. Während die Tiere bis hin zu den nicht hominiden Primaten durch ihre arteigenen unveränderbare Erbmotorik an ihre jeweiligen ökologische Nische gebunden sind, konnte sich der Mensch während seiner Entwicklung durch die „Erfindung“ komplizierter motorischer Äußerungen in immer extremere und fremdere Lebensbereiche vorwagen und sich zu immer höheren handwerklichen, sportmotorischen und künstlerischen Leistungen aufschwingen.

Die Ursachen zu dieser Variabilität im motorischen Verhalten des Menschen müssen in der Struktur und der Funktion des Gehirns gesucht werden. Im Bemühen der Hirnforschung, die Funktionsweise tierischer und menschlicher Gehirne aufzuzeigen, scheinen sich mit dem Fortgang der Forschungen die früher vermuteten qualitativen Differenzen mehr und mehr auf quantitative, graduelle Unterschiede zu reduzieren. Dennoch muss zumindest eine funktionelle Differenz bestehen, die die Voraussetzung für die Variabilität der menschlichen Motorik liefert.

Durch eine Betrachtung der stammesgeschichtlichen Entwicklung bzw. funktionellen Ausdifferenzierung der Auslöse- und Hemmungsmechanismen motorischen Verhaltens wird versucht, denjenigen hypothetischen Mechanismus zu entwerfen, der die Besonderheit in der menschlichen Motorik, nämlich das interne Komponieren von Verhaltensweisen, die bisher im Verhaltensrepertoire bzw. in der Erbmotorik nicht vorhanden waren, erst ermöglicht.(Detaillierter Bericht)

 
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7.3   Rythmus im Sport

Einführung:
Unterrichtsmaßnahmen, die die Aufmerksamkeit der Schüler auf Bewegungsrhythmen lenken sollen, können primär zwei Ziele verfolgen. Einerseits soll durch die Bewusstmachung der ablaufspezifischen dynamischen Struktur die Qualität des Bewegungsablaufes verbessert und in Bewegungsverbindungen eine fließende Bewegungsweise garantiert werden, ohne dass die Einzelelemente ihre rhythmischen Qualität einbüßen. Andererseits kann durch zyklisch- rhythmisierte Bewegungswiederholung das Rhythmuserlebnis der Schüler intensiviert werden. Es wird deutlich gemacht,  dass sich beide Ziele sowohl aus biomechanischen als auch aus koordinativen Gründen nur schwer miteinander verbinden lassen und welche dieser Bedingungen zu berücksichtigen sind, um das Erreichen dieser Ziele nicht zu gefährden.
Unterrichtliche Maßnahmen, die zum Ziel haben, einem Beobachter von außen ein rhythmisches Erlebnis zu produzieren, sind kritisch zu betrachten, dies vor allem dann, wenn sich der Beurteiler nicht darüber im Klaren ist, dass das im Bewusstsein auftretende dynamisch-zeitliche Bild nicht identisch sein muss mit dem dynamisch-zeitlichen Erleben des beobachteten Bewegers. Dies trifft z.B. bei Gruppenvorführungen zu, bei denen das Gesamtbild aller Beweger im Überblick zwar im Zuschauer einen rhythmischen Eindruck vermittelt, im Erleben des einzelnen Individuum aber durchaus Störungen im Bewegungsfluss auftreten können, die vom Beurteiler aufgrund der aufzuzeigenden Grenzen in der visuellen Wahrnehmung in der Regel übersehen werden.

Vollständiger Text:

Rhythmus wahrnehmen – realisieren – lehren
( In: KOTTMANN / SCHALLER / STIBBE (Hrsg.): Sportpädagogik – zwischen Kontinuität und Innovation. Schorndorf 1999: 164-176.) [download (pdf-Datei)]

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7.4   Ethologische Ursprungstheorie sportlicher Handlungen

Überblick:
Die herausragenden Momente in der Phylogenese des Menschen – die Aufrichtung zur Bipedie, die enorme strukturelle Entwicklung des Gehirns, die Neothenie in bezug auf den Spiel- und Explorationstrieb, der erst allmähliche, dann explosionsartige Fortschritt der kulturellen Leistungen, die Hypertrophie der intraspezifischen Aggression und die Ausgestaltung des Soziallebens – bedingen einander wechselseitig. Die besondere Triebstruktur im Hinblick auf Spiel, Exploration und Aggressivität einerseits und die besondere Struktur der Sozietäten andererseits bilden die Quellen der Genese sportlicher Spiele und des Wettkampfsports. Sportliche Betätigungen sind Ventilsitten zur Reduzierung des durch die betreffenden physiologischen Antriebsmechanismen bedingten Triebstaues. Sport ist ein Mittel zur Bewältigung der besonderen Situation des menschlichen Soziallebens.

Vollständiger Text:

Die Phylogenese des menschlichen Verhaltens im Hinblick auf die Entwicklung sportlicher Betätigung
(aus: Ueberhorst, H. (Hrsg.): Geschichte der Leibesübungen. Bd. 1. Berlin u.a. 1972) [download (pdf-Datei)]

 
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