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Sprint: Bewegungsanalyse und
Leistungsoptimierung
Inhalte:
1.
Bewegungsanalyse, Leistungsdiagnose und
Trainingsoptimierung des Sprints
2. Dehnen zu
Leistungsverbesserung im Sprint
3. Veröffentlichungen zu den Projekten
1. Bewegungsanalyse, Leistungsdiagnose und
Trainingsoptimierung des Sprints
Projektleiter: Prof. Dr. Klaus Wiemann
in Zusammenarbeit mit
Prof.
Dr. Günter Tidow,
Humboldt-Universität Berlin
Mitarbeiter: Dr. Thomas Jöllenbeck
Kurzcharakterisierung des Projektes:
Seit einigen Jahren wird diskutiert, welche Muskeln vorrangig an der Erzeugung
der Horizontalbeschleunigung beim Sprint beteiligt sind. Nachdem man lange Zeit
die Kniestrecker (Mm. vasti) als haupt- oder gar alleinverantwortlich ansah -
zum Teil auch noch heute ansieht - und man sich z. B. beim Krafttraining
speziell auf diese Muskulatur konzentrierte, geraten zunehmend auch die Hüftstrecker,
besonders die ischiokruralen Muskeln (englisch: hamstrings) in das Interesse von
Bewegungstheoretikern und Trainern. Filmanalysen zeigen nämlich, dass sich der
Kniewinkel im Zuge der Stützphase des Sprints nur unwesentlich verkleinert und
vergrößert, etwa von 165° auf 150° und wieder auf 162°. Demgegenüber überstreicht
das Hüftgelenk eine wesentlich größere Amplitude von 148° bis auf 203°.
Außerdem ergibt die biomechanische Analyse der Kraftwirkung der
Kniestreckmuskeln auch in der günstigsten Phase des Hinterstützes zwar eine
große vertikale, aber nur eine kleine horizontale Komponente, so dass sich die
Vermutung, andere Muskeln würden die Aktionen zur Erzeugung der
Horizontalbeschleunigung unterstützen, geradezu aufdrängt. Wollte man die
Horizontalbeschleunigung beim Sprint ausschließlich durch ein gesteigertes
Krafttraining der Kniestrecker optimieren, hieße das, zum weitaus größeren
Prozentsatz die Vertikalbeschleunigung gegenüber der Horizontalbeschleunigung
zu steigern.
(s. Wiemann,
K.: Die ischiocruralen Muskeln beim Sprint. 1989)
Auf der Basis der Annahme, dass die Hüftstreckmuskeln den wesentlichen Vortrieb
beim Sprint erzeugen, wurden elektromyografische Analysen deutscher
Spitzensprinter durchgeführt. Die Befunde stellten die Grundlage dar für die
Entwicklung eines Krafttrainingsgerätes für die sprintrelevante Muskulatur,
das sowohl für die Leistungsdiagnostik als auch für ein gezieltes
Sprintkrafttraining einsetzbar ist.
Detaillierter Bericht:
1. Ziel des Forschungsschwerpunktes
Das Ziel des vorliegenden
Forschungsschwerpunktes liegt darin, auf der Basis einer Korrektur der
tradierten biomechanisch- und funktional-anatomischen Vorstellungen über das
Technikleitbild und Anforderungsprofil im Sprintlauf ein Instrumentarium zu
konzipieren, das sowohl die Diagnose des Leistungsniveaus als auch die Steuerung
der Adaptationsprozesse für eine Leistungsoptimierung im Beanspruchungssektor
Kraft und Schnellkraft im Sprintlauf ermöglichen kann.
2. Entwicklung des Forschungsschwerpunktes
Basis des vorliegenden
Forschungsschwerpunktes ist die Problematik in der Funktion zweigelenkiger
Muskeln. Der Projektleiter führte erstmals 1989 das in der Biologie schon lange
bekannte „LOMBARDsche Paradoxon", das besagt, dass zweigelenkige Muskeln
auf eines der von ihnen beeinflussten Gelenke - je nach mechanischer Situation -
zwei völlig konträre Funktionen ausüben können, in die Sportanatomie und die
Trainings- und Bewegungswissenschaften ein und wendete es auf die Beugemuskeln
des Oberschenkels, die sogenannten ischiokruralen Muskeln, an. Die These ging
von der Annahme aus, dass dann, wenn das Bein des Sportlers fest auf dem Boden
steht, die ischiokruralen Muskeln neben einer streckenden Wirkung auf das Hüftgelenk
zusätzlich auch eine streckende Wirkung auf das Kniegelenk ausüben, obwohl
diese Muskeln in der Sportanatomie verallgemeinert als Kniebeugemuskeln gelten.
Als weitere Konsequenz wurde gefolgert, dass die ischiokruralen Muskeln aufgrund
der ihnen zugeschriebenen Wirkungsweise diejenigen Muskeln sein müssen, die im
Sprint maßgeblich an der Erzeugung der Beschleunigung und der Aufrechterhaltung
der Geschwindigkeit beteiligt sind [download
des vollständigen Beitrages (pdf-Datei)]. In die Betrachtung wurden auch sowohl
die Gesäßmuskulatur als auch die Adduktoren mit einbezogen. Dabei ergaben sich
Befunde, die auf eine wesentliche Beteiligung insbesondere der Adduktoren an der
Erzeugung des Vortriebes beim Sprint hindeuten [download
des vollständigen Beitrages].
Erste leistungsdiagnostische Erhebungen an einem Kontingent deutscher Sprinter
der Spitzenklasse [download] und experimentelle Untersuchungen - gefördert durch
Forschungsmittel des Bundesinstitutes für Sportwissenschaft - konnten diese
Annahme bestätigen [download des
vollständigen Beitrages (pdf-Datei)] und eröffneten Konzepte zu
trainingspraktischen Folgerungen [download].
Nach anfänglichen Anfeindungen aus dem Lager der Sportanatomie und der
Trainingswissenschaft stimmten Vertreter der Trainingslehre des Sprintlaufes,
die bisher ausschließlich die Kniestreckmuskeln als vortriebserzeugend ansahen,
der These vorerst nur zögerlich zu. Inzwischen ist dieses Konzept als Basis für
die Trainingsplanung im Sprintbereich des Deutschen Leichtathletikverbandes
akzeptiert. 1994 wurde an der Bergischen Universität-Gesamthochschule Wuppertal
- in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. G. Tidow, Humboldt-Universität Berlin - ein
Krafttrainingsgerät für den Sprintlauf entwickelt, bei dessen Konstruktion die
Prinzipien, die sich aus der neuen These ergeben, umgesetzt wurden.
Trainingsexperimente, die sich in den folgenden Jahren anschlossen, konnten
erste Ergebnisse zur Effektivität des Trainingsgerätes liefern.
3. Befunde
Im Rahmen der Leistungsdiagnostik korreliert
die am Sprintkraft-Trainingsgerät getestete Maximalkraft der Hüftstreckmuskeln
mit der Sprintzeit (30m fliegend) mit r = -0,45, die Maximalkraft der Hüftbeugemuskeln
mit der Sprintzeit mit r = - 0,6. Ein 12-wöchiges Krafttraining am
Sprintkraft-Trainingsgerät verbessert die Sprintzeit (30m fliegend) um rund
0,08 s. Von den am Sprintkrafttrainingsgerät zum Einsatz gekommenen
Krafttrainingsmethoden (1. Querschnittsmethode, 2. Methode der neuronalen
Aktivierung, 3. Schnellkraftmethode) erwies sich die Querschnittsmethode zur
Verbesserung der Sprintzeit am effektivsten, während die Methode der neuronalen
Aktivierung die Sprintleistung nicht verbesserte bzw. den durch die
Querschnittsmethode gewonnenen Leistungszuwachs wieder beseitigte.
4. Fortführung des Projektes
Ab der Trainingsperiode 97/98 wird das
Sprintkraft-Trainingsgerät am Olympiastützpunkt Dortmund unter
wissenschaftlicher Betreuung des Projektleiters und seiner
Arbeitsgruppe/Forschungsstelle eingesetzt und langfristig die Übertragung der
Grundlagenbefunde in die Trainingsgestaltung Sprint des Hochleistungsbereiches
untersucht.
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2. Dehnen zur Leistungsverbesserung im Sprint
Projektleiter: Prof. Dr. Klaus Wiemann
Mitarbeiter: Dr. Andreas Klee
Von den Effekten, die von
Muskel-Dehnungsmaßnahmen erwartet werden, ist die Vergrößerung der
Bewegungsamplitude des Gelenkes, über das der gedehnte Muskel hinwegzieht, der
am häufigsten genannte.
Weitere, dem Dehnen zugeschriebene Effekte sind eine Verletzungsprophylaxe,
ein Entgegenwirken von Muskelverkürzungen und generell eine Steigerung der
sportlichen Leistung .
Eine kurzfristige Leistungssteigerung durch Dehnbelastung kann
vornehmlich mit der Steigerung der Beweglichkeit erklärt werden. Allerdings ist
auch eine Beeinflussung des Erregbarkeitszustandes der Alpha-Motoneurone
denkbar, ähnlich wie dies von den Aftereffekten nach Kontraktionen („Kohnstammsches
Phänomen", post-contraction-effect, postcontraction sensory
discharge) bekannt ist.
Im
vorliegenden Projekt wird dargestellt, wie das Realisieren eines
Dehnungsprogramms für die leistungsbestimmenden Muskeln beim Sprint unmittelbar
vor dem Sprint die Leistung beeinflusst. Dabei wird hypothetisch davon
ausgegangen, dass ein Dehnen bzw. die mit dem Dehnen verbundene Vergrößerung
der Gelenkreichweite die Sprintleistung verbessern mag, dass aber weitere
potentielle Effekte des Dehnens, etwa eine Wirkung auf die Erregbarkeit der
Alpha-Motoneurone, in Ihrer Wirkungsrichtung nicht vorausbestimmt werden können.
Detaillierter Bericht:
-- Die Wirkung unterschiedlichster Dehnungs-
und Kraftbelastungen der ischiokruralen Muskeln und die Sprintleistung
[download],
-- Wirkung von Dehnübungen unmittelbar vor Sprintleistungen [download],
-- Dehnen als Aufwärmmaßnahmen vor
Sprintleistungen [download
, pdf- Datei]
(Weitere Studien zur Beeinflussung von
statischem Dehnen unmittelbar vor Sprintleistungen s. hier!)
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3. Veröffentlichungen zu den Projekten
(hier: Projekt "Sprint")
WIEMANN, K. (1986): Die Muskelaktivität beim
Laufen. Leistungssport, 4, 16, S. 27-31.
WIEMANN, K. (1989): Die ischiocruralen Muskeln
beim Sprint. Die Lehre der Leichtathletik, 27: 783-786 und 28: S. 816-818. [download]
JÖLLENBECK, T./ HAHN, K./ WIEMANN, K. (1990): Kraft- und Dehnungstraining der
ischiocruralen Muskeln zur Verbesserung der Sprintleistung. In: BRÜGGEMANN,
G.-P./RÜHL, J.K. (eds.): "Technics in athletics" - Cologne, 7.-9.
June 1990. Conference proceedings, volume 2. Köln: Sport und Buch Strauß -
Edition Sport: 479-485.
WIEMANN, K. (1990): Paradoxe Muskelaktionen beim Sprint - Konsequenzen für die
Sprinttechnik. In: BRÜGGEMANN, G.-P./RÜHL, J.K. (eds.): "Technics in
athletics" - Cologne, 7.-9. June 1990. Conference proceedings, volume 2. Köln:
Sport und Buch Strauß - Edition Sport, 470-478.
WIEMANN, K. (1991): Die Funktion der ischiocruralen Muskulatur beim Sprint und
die Bedeutung für das Techniktraining. In: DAUGS/ MECHLING/ BLISCHKE/ OLIVIER
(Hrsg.): Sportmotorisches Lernen und Techniktraining. Schorndorf: 270-274.
WIEMANN, K. (1991): Präzisierung des LOMBARDschen Paradoxons in der Funktion
der ischiocruralen Muskeln beim Sprint. In: Sportwissenschaft 4: 413-428. [abstract] [download
(pdf-Datei)]
WIEMANN, K. (1991): Die Funktion der ischiocruralen Muskeln beim Sprint und die
Bedeutung für das Techniktraining. In: DAUGS, R. u.a. (Hrsg.): Sportmotorisches
Lernen und Techniktraining. Internationales Symposium MOTORIK- UND
BEWEGUNGSFORSCHUNG in Saarbrücken im August 1989, Schorndorf: S.270-274.
WIEMANN, K. (1993): Muskeldehnung zur Leistungsverbesserung im Sprint.
Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.): Sportwissenschaftliche
Forschungsprojekte. Erhebung 1992. Köln Selbstverlag 1993. S. 445. [download]
TIDOW, G./ WIEMANN, K. (1994): Zur Optimierung des Sprintlaufs -
bewegungsanalytische Aspekte. Leistungssport 5: 14-19. [download]
TIDOW, G./ WIEMANN, K. (1994): Zur Optimierung des Sprintlaufs -
leistungsdiagnostische Aspekte und trainingspraktische Folgerungen.
Leistungssport 6: 11-16. [download]
WIEMANN, K./TIDOW, G. (1994): Die Adduktoren beim Sprint - bisher vernachlässigt?
Die Lehre der Leichtathletik 7: 15-18 und 8: 15-18. [download]
WIEMANN, K./TIDOW, G. (1995): Relative activity of hip and knee extensors in
sprinting - implications for training. New Studies in Athletics, 1: 29-49. [download
(pdf-Datei)]
WIEMANN, K. (1995): MVC-Quotienten im Hüftbereich und Sprint. In: KRUG, J./MINOW,
H.-J. (Hrsg): Sportliche Leistung und Training. Sankt Augustin. 263-267.
WIEMANN, K. (1995): Die ischiokrurale Muskulatur. In: CARL, K./ Quade,
K./Stehle, P.(Hrsg.): Krafttraining in der sportwissenschaftlichen Forschung. Köln. 84-119.
[download]
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